Das Landhaus zu Appesbach – Geschichte bewahren und weiterführen

 

Der Traum des Humanisten

1912 erfüllte sich der Humanist und Privatier Dr. Eduard Ortner den Traum einer hochherrschaftlichen Villa im englischen Landhausstil am Wolfgangsee. Von Anfang an war es sein Ziel, das Gesamtensemble von der Gartengestaltung bis zur Innenausstattung der Villa, mit den Jugendstil-Appartements, dem kleinen aber feinen Salon, den zwölf Jugendstil-Prachtöfen, die noch immer im Einsatz sind, als Ort der Begegnung für den Adel und das Großbürgertum zu gestalten. Der von Bergen und Hochwald umkränzte Wolfgangsee war bereits zur Kaiserzeit ein Anziehungspunkt für eine gehobene Sommerfrische, die auch von Künstlern und Freigeistern geschätzt wurde. Das Landhaus zu Appesbach bot nun die splendid isolation, um sich ungestört mit den wesentlichen Dingen des Lebens zu beschäftigen, ohne auf Komfort zu verzichten. Bis heute wurde dieser Charme erhalten, man fühlt sich hier weniger in einem Hotel als zu Gast bei blaublütigen Bekannten.

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Es ist bezeichnend für das Landhaus, das auch eine der größten Liebesgeschichten des vergangenen Jahrhunderts dort nicht nur ein, sondern zwei Kapitel schrieb. Es ist die Geschichte von Edward VIII, der aus Liebe zu einer Frau auf ein Königreich verzichtete (Richard III wollte es noch gegen ein Pferd eintauschen). Edward, Prince of Wales, Thronfolger des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland und Kaiser von Indien in spe, war der Prince Charming der zwanziger und frühen dreißiger Jahre.

Mit 40 hatte der umschwärmte Junggeselle noch immer keine Prinzessin gefunden, ehe es in voll erwischte und er sich Hals über Kopf in die Amerikanerin Wallis Simpson verliebte. Leider entsprach Wallis so gar nicht den gängigen Vorstellungen davon, wie eine zukünftige Königin zu sein hatte. Sie war nicht nur bürgerlich und Amerikanerin, sondern bereits einmal geschieden und als Draufgabe gar noch zum zweiten Mal verheiratet. Allein eine geschiedene Frau war aber für den Monarchen, gleichzeitig Oberhaupt der anglikanischen Kirche, alles andere als standesgemäß. Bis in die 50er Jahre war es einem Geschiedenen ja nicht einmal gestattet, die Königstribüne während des Pferderennens in Ascot zu betreten. Wie sollte da 1936 der König eine geschiedene Frau heiraten dürfen?

Edward ließ sich davon nicht beirren. Im November 1936 teilte er Premierminister Baldwin mit, Wallis zu heiraten, sobald sie rechtskräftig geschieden sei. Darauf hieß es für ihn Herz oder Krone. Am 10. Dezember 1936 trat Edward VIII für eine Radioansprache auf - und als Edward von Windsor wieder ab. "Aber glaubt mir, wenn ich euch sage, dass es mir unmöglich war, die schwere Bürde der Verantwortung auf mich zu nehmen und meine Pflichten als König, so wie ich wollte, zu erfüllen ohne die Hilfe und Unterstützung der Frau, die ich liebe." Und wohin verschlug es den Duke of Windsor nach seiner Abdankung? Unter anderem ins Landhaus zu Appesbach, wo er vom 29. März bis zum 3.Mai 1937 verweilte und schmachtende Liebesbriefe an seine Wallis schrieb (…it will be so much easier once WE are WE – WE für Wallis and Edward). Einer davon hängt in der Windsor Suite des Landhauses, die nahezu unverändert blieb. Wer sie bewohnt, hängt seine Röcke und Hosen in dieselben weißen Schleiflackschränke, schläft im selben Bett und steigt in dasselbe eingelassene Becken des römischen Bades, fürwahr ein Badeerlebnis der Sonderklasse. Ein Foto zeigt den Duke of Windsor auf der Brüstung der Terrasse sitzend. Auch die Mauer gibt es noch, allerdings wuchs der Boden über die Jahre in die Höhe – Schotter, Kies, Stein, zuletzt Holz – sodass es sich für ein lässiges Baumeln der Füße nicht mehr ausgeht.

Das ist das eine Landhaus-Kapitel der Liebesgeschichte: Der herzögliche Blues zu Appesbach - ja, auch der Blues lässt sich an diesem Ort wunderbar zelebrieren. Als die Scheidung seiner Wallis endlich rechtskräftig war, stieg Edward in Salzburg in den Orientexpress nach Paris und schloss seine Geliebte in die Arme. Das andere Kapitel wurde zuvor geschrieben und kam erst nach einer Auktion im Sotheby’s in Genf 1987 ans Tageslicht. Unter den Schmuckstücken der verstorbenen Wallis, Herzogin von Windsor, befindet sich ein Rubinanhänger mit der Inschrift 22. September 1935 David – Wallis St. Wolfgang. Tatsächlich verbrachten David, wie Edward auch genannt wurde, und Wallis ihren ersten romantischen Urlaub, natürlich in strengster Diskretion, im Landhaus zu Appesbach. Und hier reifte der Wunsch Edwards, Wallis zu seiner Frau zu machen.

Edward war also als Thronfolger und abgedankter König im Landhaus, das aber auch auf einen regierenden König nicht verzichten musste, denn 1950 und 1953 war König Leopold von Belgien und Prinzessin Lilian de Rethy mit den Kindern mehrmals zu Gast. König Leopold wurde gegen Ende des zweiten Weltkriegs als Kriegsgefangener in Strobl am Wolfgangsee interniert (wo damals Theo Lingen Bürgermeister war), am 7. Mai 1945 von amerikanischen Truppen unter Colonel Wilson befreit und im dem Landhaus benachbarten Auhof untergebracht.

Auch in die dunkelste Zeit unserer Geschichte brachte das Landhaus ein wenig Licht, indem es vom Regime Verfolgten Unterschlupf gewährte. Die mit Efeu umrankten Fassaden, der wunderbare Baumbestand mit der uralten Eiche und die friedliche, intime Atmosphäre schützen diesen Ort und seine Gäste bis heute vor den Zudringlichkeiten dieser Welt.

Thomas Mann war hier.

Auch das sagt einiges aus. Und er geriet ins Schwärmen, wann immer er über seinen Aufenthalt im Landhaus zu Appesbach berichtete. In seinem Gästebucheintrag spricht er die Hoffnung aus, bald wiederzukommen. Doch sein Tod im Jahre 1955 ließ diesen Wunsch unerfüllt und den 1954 begonnenen Roman Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull unvollendet. Viele andere Künstler ließen sich wie Thomas Mann von ihrem Streben nach Schönheit, Ruhe und Inspiration in das zauberhafte Landhaus führen.

 

Die Schütten

Ende der 60er Jahre erwarb die Familie Schütten das Landhaus und sollte es fast 50 Jahre lang führen. Zeitweise als Familienbetrieb, zeitweise mit eingesetzten Hoteldirektoren. Die Schütten verfolgten stets das Ziel, diesen wunderbaren Platz so zu pflegen, dass seine Seele unangetastet blieb und er sich trotz aller Modernisierungen und den wachsenden Anforderungen der Gäste den Charakter eines Refugiums bewahrte. Dennoch verschloss sich das Landhaus nie dem Zeitgeist. So wurde es in den 60ern auch von den Wolfgangsee-Filmen gestreift, die mit sentimentalen Romanzen, Klamottenkomik und eher flacher musikalischer Untermalung die Massen begeisterten. Als Franz Antel 1971 seinen letzten Wolfgangsee-Film drehte (Außer Rand und Band am Wolfgangsee), bezog er mit seiner Crew – darunter Waltraut Haas und Michael Schanze – Quartier im Landhaus. Was man diesen Filmen nicht absprechen kann, ist das redliche Bemühen, gute Laune zu erzeugen.

Als die ARD 2008 mit Das Musikhotel am Wolfgangsee die Schlagerfilme der 50er und 60er neu beleben wollte, war das Bemühen allein zu wenig. Was für eine glorreiche Idee, das Landhaus zu Appesbach als Drehort für einen Film zu nutzen. Mit einem halbwegs guten Drehbuch und einem halbwegs guten Ensemble kann man da eigentlich nichts falsch machen. Leider war das Drehbuch grottenschlecht – wie auch das Licht, die Kamera und der Schnitt - und im Ensemble befanden sich neben Schlagerstars wie Patrick Lindner, Semino Rossi, Francine Jordi, Marc Pircher und dem Brachialkomiker Mike Krüger nur zwei echte Schauspieler. Einer davon, Sascha Hehn, dachte zuerst, er sei einem Gag von Verstehen Sie Spaß aufgesessen, als er das Filmmaterial sah. Aber selbst diesen Anschlag auf den guten Geschmack konnte das Landhaus schadlos überstehen. Der Unfilm wurde in zwei Wochen abgedreht, Franz Antel brauchte bei seinem letzten Wolfgangsee-Film allein sechs Wochen für die Außenaufnahmen. Aber vielleicht ließ er sich auch nur so lang Zeit, weil es ihm im Landhaus so gut gefiel.

Salonabende

Wie ein echtes Musikhotel auszusehen hat, zeigte Johnny Schütten, selbst ein begnadeter Klaviervirtuose und Komponist, mit seinen Salonabenden in der Nachsaison. Künstler wurden in das Landhaus eingeladen, am Abend traf man sich in dem kleinen, charmanten Salon, um gemeinsam zu musizieren. Die übrigen Gäste kamen nicht nur in den Genuss hochwertiger Darbietungen, sondern konnten sich mit den Künstlern untertags auch in ungezwungener Atmosphäre unterhalten. Die bekannte Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager, von Johnny Schütten am Klavier begleitet, war von der intimen Atmosphäre des Salons ebenso begeistert wie ihre Zuhörer und sagte, für solche Abende wurden Lieder geschrieben. Es musste aber nicht immer Klassik sein. Auch Jazz hörte sich im Salon gut an, mit zwei Flügeln und einem Schlagzeug, an dem Größen wie Pete York von der Spencer Davis Group oder Martin Drew von der Oscar Peterson Combo saßen.

Das unvollendete Gesamtkunstwerk

Johnny Schütten leitete die Geschicke des Landhauses ab 1989 und betrachtete es stets als Gesamtkunstwerk, das nie vollendet werden kann. Selbst kein Hotelier, gestaltete es sich für ihn immer schwieriger, die Kosten-Nutzen-Rechnung wenigstens auszubalancieren und dabei die Zeit für seine Kompositionen und andere Projekte zu finden. So verkaufte er 2016 schweren Herzens das Landhaus, doch mit dem guten Gewissen, einen Käufer gesucht und gefunden zu haben, der diesen Ort versteht, schätzt und bewahrt. Jemand, der die Geschichte nahtlos weiterführt, die das Landhaus zu Appesbach erzählt. Von den Adeligen und Großbürgern, von den Künstlern, wie Kammerschauspieler Michael Heltau (»Das ist ein absolut unvergleichlicher Platz, mit unbeschreiblichem Charme und exzellenter Qualität!«), Komponist György Sándor Ligeti oder Schriftsteller Robert Schneider, von den Sportstars, wie Toni Sailer oder David Coulthard und nicht zuletzt von den vielen Stammgästen, die teilweise schon in dritter Generation dem Landhaus die Treue halten und immer wieder die Schönheit, den Frieden und den Zauber suchen, die dieser Ort verspricht, egal ob in der Vor-, Haupt- oder Nachsaison, ob’s stürmt oder schneit (Silvester im Landhaus), ob die Sonne lacht oder der Regen prasselt.

Als es am Wolfgangsee einmal tagelang regnete, entschuldigte sich Johnny Schütten bei einem englischen Stammgast für das schlechte Wetter. Der Engländer, der gerade auf der Terrasse saß und in einem Buch schmökerte, sah auf und sagte: » Don’t be sorry! It’s not rain, it’s liquid sunshine. «

Nirgendswo lässt sich dieses britische Bonmot besser verstehen, als im Landhaus zu Appesbach.